Silberschmied Smith

Der Vater von Alan Smith gehörte nie zu jenen ehemaligen Soldaten, die gerne vom Krieg erzählten. Hin und wieder erwähnte er die Kameradschaft in der Royal Air Force. Aber vom Krieg berichtete er nur einmal. Alan Smith war zwölf Jahre alt, als er in wenigen Worten von der Zerstörung Dresdens hörte. Sein Vater erzählte vom unglaublichen Feuerball, den er auf dem Rückflug noch meilenweit sehen konnte. "Vom einen auf den anderen Moment war er sich des Horrors, des Leids bewusst. Er wollte, dass Dresden nicht in Vergessenheit gerät."

Der kurze Bericht seines Vaters grub sich tief ins Gedächtnis von Alan Smith. Als Smith Jahrzehnte später bei seinem Arbeitgeber, der Londoner Gold- und Silberschmiede Grant MacDonald, davon hörte, dass der "Dresden Trust" als Zeichen der Versöhnung das Kreuz für die wieder erstehende Frauenkirche nachbilden lassen wollte, fühlte er sich dazu bestimmt, das Werk auszuführen.

Acht Monate lang arbeitete der Sohn des Bomberpiloten zehn Stunden am Tag an Hand von Originalentwürfen seines Namensvetters Johann Georg Schmidt und mit Hilfe von Fotos an dem monumentalen vergoldeten Kreuz. Die Kugel, auf der das Kreuz steht, schuf er aus zwei Kupferblechen mit einem Durchmesser von 1,50 Metern. Um die beiden Hälften miteinander zu vernieten und von innen mit einer stabilen Struktur zu verstärken, musste Smith in das Innere der Kugel kriechen.

Smith hat schon für viele Könige und Königinnen gearbeitet. Sein bis dato größter Auftrag war eine zwölf Fuß hohe Palme aus Silber. Das Dresdner Kuppelkreuz aber ist sein wichtigstes Werk. Auch wegen seiner Familiengeschichte - Smith ist sich sicher, dass dieses Zeichen der Versöhnung auch im Sinne seines Vaters gewesen wäre.

Am 13. Februar 1995, dem 50. Jahrestag der Zerstörung Dresdens, sagte der Herzog von Kent, als Vertreter der britischen Krone, Dresden ein neues Turmkreuz zu. Rund 550.000 Euro sammelte der "Dresden Trust" von vielen Spendern - auch von der Königin - für das Werk nach historischem Vorbild. Als der Herzog von Kent genau fünf Jahre später das britische Geschenk in Anwesenheit von 18.000 Zuschauern vor der Frauenkirche übergab, nannte er es ein "Symbol des Leidens und der Versöhnung".

Gesten der Versöhnung freilich hatte es schon früher gegeben. Ende der Vierziger Jahre nahm die Städtepartnerschaft zwischen Dresden und Coventry ihren Anfang. Der deutsche Nachtangriff auf Coventry Ende 1940 war das Modell für die Zerstörung Dresdens gewesen. In nur drei Stunden hatten deutsche Bomber die englische Industriestadt zerstört. Möglich wurde das durch die Kombination aus Brand- und Sprengbomben, die zu Feuerstürmen führte. Das von den Deutschen zynisch "Coventrieren" genannte Vorgehen kopierten die Alliierten und passten es der technischen Entwicklung an.

Dresden und Coventry verbindet eine Gemeinschaft des Erlittenen. Ähnlich wie kaum vier Jahre später in Dresden wurde in Coventry der historische Kern mitsamt einer bedeutenden Kirche, der gotischen Kathedrale, zerstört. Hier wie dort blieben Stätten der Industrieproduktion in den Außenbezirken weitgehend unversehrt. Nur sechs Wochen nach dem Angriff auf Coventry sagte Dompropst Howard in der Ruine seiner Kathedrale: "Sei es noch so schwer, wir Christen sagen nein zur Vergeltung und ja zur Vergebung. Wenn dieser Krieg zu Ende ist, wollen wir gemeinsam eine freundlichere, christlichere Welt aufbauen."

1998 wurde das Kuppelkreuz zum ersten Mal für das britische Publikum in der Kathedrale zu Coventry gezeigt, bevor es dann in Schloss Windsor, Liverpool, Edinburgh und in der St. Paul's Cathedral ausgestellt war. Bei der Übergabe des Kreuzes im Februar 2000 äußerte der frühere Bomberpilot Frank Barber, dass das Kuppelkreuz "ein Hoffnungssymbol sein sollte und eine Mahnung, dass die deutsche und die britische Nation wesentlich mehr miteinander gemein haben, als die Geschichte des 20. Jahrhunderts anzudeuten vermag".

(von Reiner Burger, FAZ-Magazin; Dresden-Fotos: DWT/Dittrich)

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