Berliner Unterwelten

Treffpunkt Berlin, Gesundbrunnen. Hier, am südlichen Ausgang Humboldthain startet eine der Touren des Vereins der Berliner Unterwelten. Je 20 Menschen dürfen mit einem Führer der Unterwelten den Untergrund erforschen. Es geht abwärts. Es ist dunkel. Alte Wandbeschriftungen weisen den Weg: "Zum Männer-Abort", "Zum Frauen-Abort" - "Warum steht dort nicht einfach Toilette?" fragt Jan Benndorf, Mitglied der Unterwelten. Allgemeines Achselzucken. "Naja, Toilette war ein französisches Wort. Das wollten die Nazis nicht benutzen."

Es geht weiter runter. Der Frauen-Abort. Einzelne, kleine Klos, die nebeneinander aufgereiht stehen. Komisch. "Keine Sorge", bemerkt Jan Benndorf, "damals hatten die hier auch schon Trennwände drin." Allgemeine Erleichterung. Dann Benndorfs Nachsatz: "Aber bei Bombenhagel hat das eh nichts genutzt. Normalerweise wurden die Eimer oben geleert, wobei Torf den üblen Geruch ein wenig verhindert hat. So ähnlich wie Katzenstreu heute… Aber nun stellen Sie sich vor wie's hier ausgesehen hat, wenn statt angegebenen 1.000 Menschen, sich 10.000 Menschen hier verstecken mussten und tagelang kein Sonnenlicht zu sehen bekamen..."

Nun fallen auch uns die Personenzahlen an den Wänden auf. Das ist die jeweilige Anzahl derer, die in einem Bunkerraum Platz finden sollten. Schlussendlich sitzen wir in einem Raum, der für 20 Menschen ausgelegt war. Es ist klein, die Aussicht auf baldige Rückkehr zu Sauerstoff und Tageslicht beruhigend. Kaum vorstellbar, dass hier bis zu 80 Leute Obhut fanden, sich Witze erzählten, während oben die Welt unterging.

"Wie wusste man, wann der Sauerstoff ausgehen würde?" Eine weitere Frage, die ohne Antwort bleibt, bis Jan Benndorf fortfährt: "Hier wurden auf verschiedenen Höhen Kerzen aufgestellt. Die Lichter gingen je nach Sauerstoffstand von unten nach oben aus..." Es geht nicht um Effekthascherei oder um Kriegsverherrlichung. Es geht um ein ernstes Kapitel deutscher Geschichte. Die Bunker geben aber nicht nur Aufschluss über Kriegszeiten, sie zeigen auch die Anfänge der Kellergewölbe im Untergrund, die Nutzung durch alte Berliner Brauereien oder das heute noch teilweise genutzte Nachrichteninstrumentarium der Rohrpost. So erfährt man, dass die Berliner U-Bahn beinahe eine Schwebebahn geworden wäre...

"Stromausfall im Bunker. Wie kam man ohne Licht aus?" Jan Benndorf schaltet das Licht aus. Es wird nicht dunkel. Die Wände sind mit fluoreszierender Farbe gestrichen. "Vorsicht Gift - Bitte nicht berühren!" Es funktioniert immer noch. "Angeblich konnten die damals hier drin auch Zeitung lesen." Um jede Deckenlampe herum befindet sich ein solcher Anstrich.

Wir schlurfen durch den Sanitätsraum. Über uns knattert eine U-Bahn. Zum Abschluss ein Raum, der für sich spricht. Überbleibsel der Toten: Schuhe, Brotbüchse mit Namen, Klappmesser, Kondome.

Oben angekommen, heißt es erstmal tief durchatmen, den Kellermief der Geschichte abschütteln. Nichtsdestotrotz ist es gut, so eindringlich Geschichte zu gestalten.

Ein Genuss wieder in der Sonne zu stehen, völlig uneingeschränkt und frei. Der nächste Kaffee geht runter wie Öl. Zeit, den Frieden zu genießen.

Der Verein der Berliner Unterwelten bietet seit 1999 vier verschiedene Führungen zu unterschiedlichen Themen an (Info-Telefon: 030 / 49 91 05 17).

Viele ehrenamtliche Mitarbeiter haben ungeahnte Trümmerhaufen aus den zugeschütteten Bunkeranlagen entfernt, Geschichte(n) aufgearbeitet und ehemaligen Zwangsarbeitern sogar verloren gegangene Dokumente zurückgeben können. Davon hingen ganze Existenzen ab.

(www.berliner-unterwelten.de)

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