Kaffeehaus-Kultur

Vom kleinen Braunen und Schalen voller Gold

Wiener Kaffeehäuser: Der Ort, an dem Wiener und Wienerinnen zur Melange zusammentreffen. Stundenlang sitzen und quatschen - hier kein Problem. Denn langsam und gemach ist oberstes Gebot. Anfängerfehler: simplen Kaffee bestellen.

Frisches Kaffeearoma zieht in die Nase. Zeitungsrascheln. Schmucke Kellner huschen gekonnt um kleine Marmortische. Aber erstmal setzen - auf die vielleicht berühmtesten Kaffeehausstühle der Welt (Thonet-Stühle, stille Ikonen der Designgeschichte). Und dann den Blick kurz zur Decke werfen - über allem strahlen prächtige Kronleuchter. Willkommen im typischen Wiener Kaffeehaus!

Ja, hier steht die Zeit ein bisschen still. Auf die Klassiker der Speisekarte ist Verlass: Gugelhupf, Sachertorte und natürlich Mehlspeisen. Kaffee bestellen ist dagegen eine Kunst für sich. Damit der Ober Sie nicht als Nicht-Wiener entlarvt: Schwarzer Kaffee heißt hier kleiner oder großer Schwarzer. Versetzt mit Obers (Kaffeesahne) wird er zum kleinen oder großen Braunen. Noch mehr Obers hat die Schale Gold und eine Melange wird mit Milch und Milchschaum zubereitet. Dieses Namenswirrwarr gab es früher nicht: Damals reichte der Ober eine Farbpalette. Abstufungen von tief schwarz bis milchig weiß signalisierten die Stärke des Kaffees.

Die Gründung dieser Wiener Institution reicht zurück in die Zeit der Türkenbelagerung im 17. Jahrhundert. Das erste Kaffeehaus eröffnete der armenische Spion Johannes Theodat und bald breiteten sie sich über ganz Wien aus. Egon Schiele, Gustav Klimt, Leo Trotzki - alle hatten sie ihre Stammcafés.

Und wo sind sie eigentlich heute, die angesagten und berühmten Kaffeehäuser? Legendärer Innenstadttreff: Café Central - hier tranken schon Freud und Stalin ihren kleinen Braunen. Paul McCartney und Romy Schneider verschlug es ins Café Landtmann - Treffpunkt für Politiker und Medienleute. Im Café Sacher gibt es die berühmte Sachertorte und für seine 50er Jahre Einrichtung ist das Café Prückel bekannt. Weniger Kaffeehaus, dafür edle Tortenkreationen: die beliebte Hofzuckerbäckerei Demel.

Es ist einfach mehr, als ein Lokal. Ein Ort zum Tagespresse studieren, über Politik diskutieren, Roman verfassen, Flirten und Knutschen. Und zum Kaffee trinken natürlich auch. Urwienerisches Lebensgefühl, Gemütlichkeit und klassischer Charme - genau das macht die vielen öffentlichen Wohnzimmer Wiens aus.

Wiener Kaffeehaus-ABC

Mokka oder Schwarzer: kleiner bzw. großer schwarzer Kaffee, Bohnenkaffee mit feinporiger Creme ohne Milch

Großer bzw. kleiner Brauner: Schwarzer mit Kaffeeobers (Kaffeesahne)

Verlängerter Schwarzer/Brauner: Mokka/Brauner mit viel Wasser

Melange: verlängerter Mokka mit aufgeschäumter/gequirlter Milch und Schaumhaube

Schale Gold: Brauner mit viel Kaffeeobers

Kapuziner: Mokka mit wenig Schlagobers (Schlagsahne)

Einspänner: doppelter Mokka mit viel Schlagobers (Schlagsahne) und extra Staubzucker, im typischen Einspännerglas serviert

Fiaker: doppelter Mocca mit viel Schlagobers und einem Schuss erhitztem Kirschwasser und Staubzucker, eine Kirsche obenauf, im typischen Einspännerglas serviert

Doppelmokka oder Mokka gespritzt: Mokka mit Weinbrand

Maria Theresia: großer Mokka mit Orangenlikör, Staubzucker und Schlagobers

Türkischer/Mokka passiert: extra fein gemahlener türkischer Kaffee, mit Zucker aufgebrüht

Pharisäer: doppelter Mokka mit Zucker, Kakaopulver und Rum, erhitzt und mit Schlagobers, Zimt und Zitronenzeste serviert

Fotos: Wien Tourismus, Willfried Gredler-Oxenbauer, Robert Osmark, Peter Rigaud, Christian Stemper

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