Eppingen

Eppingen: Das Fachwerkwunder des Kraichgaus

Fast jedes Altstadthaus ist hier ein Kunstwerk, überall mittelalterlicher Geist und Charme: Eppingen präsentiert sich als Schatzkästlein süddeutscher Fachwerkbaukunst. Das über 1.000 Jahre alte Städtchen hatte viel Glück, blieb von Kriegen und Brandkatastrophen weitgehend verschont. Und so gehört ein Bummel durch das aufwändig restaurierte Zentrum mit seinen alemannischen, fränkischen und barocken Fachwerkjuwelen zu den Höhepunkten im Kraichgau.

Die Eppinger Altstadt, sie ist „ebbes bsunders“, wie man hier sagt. Dabei gibt es nicht nur charmant schiefe Wände, urige Balken und reizvolle Portale zu entdecken. Der Städtebau des Mittelalters lehrt hier eindrücklich, dass es ohne Geraden und Minimalismus sehr viel zauberhafter zugeht. Straßen und Gassen sind mannigfach gekurvt oder gekrümmt, zwischen Schwellen und Giebeln erzählt die Schmuckfreude, was Bauherren ihrer Zeit bewegte. Damit es auch so prachtvoll bleibt, wird dem historischen Puzzle überall neuer Schliff und frische Farbe verpasst. Seit 1983 steht die gesamte Altstadt von Eppingen unter Denkmalschutz. Manchmal scheint‘s, das windschiefe Fachwerk weiß gar nicht wohin mit den vielen Zierformen. Restaurator möchte man hier sein.

Fachwerk-Raritäten

Rund um den Pfeifferturm, dem ältesten und reizvollsten Artefakt der Stadtbefestigung (13. Jh.), gruppieren sich 120 prachtvolle Fachwerkhäuser aus der Blütezeit der Stadt. Heraus stechen Bauten wie das „Baumann’sche Haus“, das sich 1582 ein Metzger und Viehhändler erbauen ließ. Bis heute gilt es als eines der schönsten Bürgerhäuser im Kraichgau. In der Biegung der Kirchgasse/Ecke Badgasse finden Sie das dreistöckige „Bossert-Haus“ (15. Jh.), benannt nach seinem bekanntesten Besitzer, Günter Bossert. Dieser erregte 1960 Aufsehen, als er mehrmals mit dem Motorrad über ein Hochseil fuhr, das in der Altstadt zwischen Gebäuden gespannt war. Eine alte Reklame erinnert bis heute an diese artistische Höchstleistung. Dann sind da noch das schmuck restaurierte „Schwebegiebelhaus“ mit seltenen alemannischen Fachwerkkonstruktionen, das „Bäckerhaus“ aus dem Jahr 1412, ältestes bisher bekanntes Fachwerkhaus im Kraichgau, die Altstädter Kirche mit bemerkenswerten Wandmalereien aus dem 14. Jahrhundert und die ehemalige Tagelöhnersiedlung „Linsenviertel“ mit ihrem faszinierenden Gewirr an engen Gässchen.

Schmucke Museen

Bei der Außenbetrachtung sollte es nicht bleiben. Hereinspaziert: Im Stadt- und Fachwerkmuseum „Alte Universität“ können Sie sich in die spannende Geschichte der Stadt vertiefen, diese ist anschaulich gespickt mit Fachwerkkunde und Einblicken in die Welt des Zimmermanns. Auf dem Fachwerklehrpfad geht das Studium an neun Stationen familienfreundlich weiter. Auch die Mauern des Pfeifferturms locken - in dunklere Lebenswelten. Die Ausstellung „Hier ist bös sein“ erzählt von den Gefängniszeiten des Turmes und führt doch wieder ans Licht. Aus der Laterne bietet sich ein herrlicher Rundumblick über den Kraichgau und die Dächer der Stadt.

Hügelsofas und biblische Weinpfade

Genug Fachwerk? Der Besuch Eppingens lässt sich prima mit Ausflügen in die Umgebung verbinden. Im Kraichgau, der beschaulichen Mulde zwischen Odenwald und Schwarzwald, dominiert das Ackerland, der Boden ist fruchtbar und gut zu bewirtschaften. Auf Wanderungen durch diese hübsche Kornkammer treffen Sie immer wieder auf Hügelsofas – bequeme, dreh- und schwenkbare XXL-Liegen, auf denen Wanderer sich ausruhen und die Aussicht genießen können. Berge hingegen sind deutlich seltener. Die höchste Erhebung ist der Steinsberg nahe Sinsheim. Die alte Stauferburg darauf gilt als Zentrum und Kompass des Kraichgaus. Die Höhe lässt sich leicht merken: 333 Meter ist der erloschene Vulkan hoch, der das letzte Mal vor etwa 55 Millionen Jahren ausbrach.

Im sanften Hügelland treffen zugleich auch die großen deutschen Weinbaugebiete Baden und Württemberg aufeinander. Tipp: Wandern Sie vom Eppinger Ortsteil Mühlbach zum Jägersee mit Waldfühlpfad, hinauf auf den Ottilienberg mit pittoresker Wallfahrtskapelle, weiter ein Stück die bekannte Eppinger Linie entlang und die Weinberge hinunter nach Kleingartach. Hier erfreut ein besonderer Themenpfad – der Biblische Weinpfad. Er führt auf rund zwei Kilometern zu zwölf Stationen, an jeder findet sich ein aufgeschlagenes Buch. Auf der linken Seite sind jeweils Bibelstellen zu lesen, in denen der Wein eine Rolle spielt. Rechts finden Sie Informationen zum heutigen Weinbau. Hinzu kommt noch ein künstlerischer Akzent − eine Blumenschale etwa oder ein Buckelquader.

Ein Ausflug nach Sinsheim, ins Technikmuseum oder in die fantastische Thermen & Badewelt, lohnt natürlich auch immer.

Badisch oder württembergisch?

In dieser Frage könnten Sie von zwei Eppingern zwei verschiedene Antworten erhalten. Denn durch die 22.000-Einwohnerstadt verläuft die frühere Staatsgrenze. Da ist zum einen die Kernstadt mit fünf weiteren Stadtteilen – ganz klar badisch und in der Mehrheit. Doch nach Gebietsreformen Anfang der 1970er wurde neu geheiratet. Eppingen bekam das württembergische Kleingartach zugelost und wechselte zum Landkreis Heilbronn in den Regierungsbezirk Stuttgart – und das bedeutete: württembergische Zugehörigkeit. Man führt heute ein ganz normales „Doppelleben“. Sowohl der Badische Fußballverband als auch der Württembergische sind in Eppingen aktiv, die Evangelische Landeskirche Baden ebenso wie die württembergische Landeskirche. Den Badener erkennt man am „Guten Tag“, während man z. B. in Kleingartach „Grüß Gott“ sagt. Der Bürgermeister bringt es versöhnlich auf den Punkt: Man sei eben eine „echt baden-württembergische Stadt“.

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