Memorium Nürnberger Prozesse
Memorium Nürnberger Prozesse: Geschichte und Gerechtigkeit
Wer Nürnberg besucht, begegnet einer Stadt mit zwei Seelen: der mittelalterlichen Pracht der Kaiserburg und dem schweren Erbe des Nationalsozialismus. Das Memorium Nürnberger Prozesse bringt beides auf beeindruckende Weise zusammen – es ist der Ort, an dem die Verbrechen des NS-Regimes vor einem internationalen Gericht aufgearbeitet wurden und an dem die Grundlagen des modernen Völkerrechts gelegt wurden. Im historischen Saal 600 des Nürnberger Justizpalastes, wo sich die mächtigsten Täter des 20. Jahrhunderts vor Richtern aus vier Nationen verantworten mussten, erwartet dich ein Museumsbesuch, der nachhallt.
Ob Geschichtsinteressierte, Schülergruppen oder Reisende, die Nürnberg wirklich verstehen wollen – das Memorium ist kein Pflichtprogramm aus Pflichtgefühl, sondern eines aus echtem Erkenntnisinteresse. Mehr zur fränkischen Metropole gibt es auf unserer Nürnberg-Seite.
Die fränkische Metropole hat mehr zu bieten als ihre historische Last – aber genau diese Last macht sie zu einem der faszinierendsten Reiseziele Deutschlands. Entdecke, was dich im Memorium erwartet und warum dieser Ort jeden Besuch wert ist.
Geschichte: Wie Nürnberg zur Stadt der Prozesse wurde
Dass ausgerechnet Nürnberg zum Schauplatz des ersten internationalen Kriegsverbrechertribunals wurde, war kein Zufall – es war ein bewusster symbolischer Akt. Die Stadt war die „Stadt der Reichsparteitage": Hier fanden von 1927 an alle großen NSDAP-Kongresse statt, hier wurden 1935 die rassistischen Nürnberger Gesetze verkündet, die Jüdinnen und Juden ihrer Bürgerrechte beraubten. An dem Ort, an dem die NS-Ideologie ihre lautesten Propagandaerfolge gefeiert hatte, sollte nun das Recht über sie triumphieren. Pragmatisch half zudem, dass der Justizpalast nach den alliierten Bombenangriffen nahezu unversehrt geblieben war – mit ausreichend Büros, Hafträumen und dem großen Saal 600.
Der Hauptprozess (1945–1946)
Am 20. November 1945 begann der Internationale Militärgerichtshof (IMT) seine Arbeit. Die vier Alliierten – USA, Großbritannien, Frankreich und die Sowjetunion – klagten 22 führende Vertreter des NS-Regimes an. Nach 218 Verhandlungstagen fielen am 1. Oktober 1946 die Urteile:
| Urteil | Anzahl | Bekannte Namen |
|---|---|---|
| Todesstrafe (Erhängen) | 12 | Ribbentrop, Keitel, Kaltenbrunner, Frank, Rosenberg |
| Lebenslange Haft | 3 | Rudolf Hess, Walther Funk, Erich Raeder |
| Zeitige Haftstrafen | 4 | Albert Speer (20 J.), Baldur von Schirach (20 J.) |
| Freispruch | 3 | Franz von Papen, Hjalmar Schacht, Hans Fritzsche |
Hermann Göring – der prominenteste Angeklagte – entzog sich dem Todesurteil durch Selbstmord in seiner Zelle in der Nacht vor der geplanten Hinrichtung.
Die zwölf Nachfolgeprozesse (1946–1949)
Zwischen 1946 und 1949 fanden am selben Ort zwölf weitere Prozesse vor rein amerikanischen Militärtribunalen statt: der Ärzteprozess über KZ-Menschenversuche, Verfahren gegen Industriekonzerne wie Flick, I.G. Farben und Krupp sowie der Einsatzgruppenprozess gegen die Kommandeure der Mordeinheiten. Diese Prozesse gelten als Geburtsstunde des modernen Völkerstrafrechts und ebneten den Weg für den Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag, der 2002 seine Arbeit aufnahm.
Was erwartet dich im Memorium Nürnberger Prozesse?
Das Memorium ist kein klassisches Museum mit verstaubten Exponaten hinter Glasscheiben. Es ist ein lebendiger Erinnerungsort – und es berührt vor allem deshalb so stark, weil man an dem Ort steht, an dem es tatsächlich passiert ist.
Saal 600 – das Herzstück des Memoriums
Das absolute Highlight ist Saal 600 selbst: der originale, weitgehend erhaltene Verhandlungssaal des Justizpalastes. Für den Prozess wurde er erheblich umgebaut – die Richterbank um 90 Grad gedreht, 235 Presseplätze eingebaut, eine Zuschauergalerie mit 128 Plätzen ergänzt und Fenster für Film-, Foto- und Radioübertragungen eingebrochen. Eine moderne Medieninstallation mit Originalton- und Filmaufnahmen lässt die Atmosphäre der Verhandlungen wieder lebendig werden. Die historische Anklagebank ist bis heute erhalten.
Die Dauerausstellung in drei Teilen
- Geschichte und Verlauf des Hauptprozesses: Hintergründe, Ankläger, Angeklagte, Zeugen und Urteile des IMT
- Die zwölf Nachfolgeprozesse (1946–1949): Ärzteprozess, Industriellen-Prozesse, Einsatzgruppenprozess und weitere
- Das Erbe von Nürnberg: Vom Internationalen Militärgerichtshof zum IStGH in Den Haag
Cube 600 und digitale Angebote
Der „Cube 600" beherbergt Wechselausstellungen zu aktuellen Themen des Völkerrechts. Die kostenlose Museum-App bietet Audioguide-Führungen in neun Sprachen – Deutsch, Englisch, Französisch, Polnisch, Russisch und mehr. Idealerweise vor dem Besuch herunterladen. Seit November 2025 gibt es zudem das Serious Game „Tribunal 45 – Working on Justice", in dem man die Rolle einer Juristin des französischen Anklageteams von 1945 übernimmt.
Besucherinformationen: Öffnungszeiten & Eintrittspreise
Öffnungszeiten
| Saison | Wochentage | Öffnungszeiten |
|---|---|---|
| Sommer (1. April – 31. Oktober) | Mo, Mi–Fr | 9:00–18:00 Uhr |
| Sommer (1. April – 31. Oktober) | Sa & So | 10:00–18:00 Uhr |
| Winter (1. November – 31. März) | Mo–Fr | 10:00–18:00 Uhr |
| Winter (1. November – 31. März) | Sa & So | 10:00–18:00 Uhr |
| Dienstags geschlossen! | ||
Eintrittspreise
| Kategorie | Preis |
|---|---|
| Erwachsene (ab 18 Jahre) | 7,50 € |
| Ermäßigt (Kinder 4–18 J., Studierende, Ehrenamtliche) | 2,50 € |
| Schulklassen (pro Schüler) | 2,00 € |
| Familienkarte (1 Erw. + bis zu 3 Kinder) | 8,00 € |
| Gruppen ab 15 Personen (pro Person) | 7,00 € |
Tipp: Mit der Nürnberg Card ist der Eintritt inklusive – ebenso wie in über 30 weiteren Museen und im gesamten ÖPNV der Stadt.
Anfahrt: Bärenschanzstraße 72, 90429 Nürnberg. Mit der U1 bis „Bärenschanze" (ca. 5 Min. vom Hauptbahnhof). Parkplätze vorhanden.
Hinweis: Saal 600 kann für Sonderveranstaltungen vorübergehend gesperrt sein – aktuelle Infos auf der offiziellen Museumswebsite prüfen.
Ein Besuch im Memorium lässt sich wunderbar mit weiteren historischen Stätten und Sehenswürdigkeiten Nürnbergs verbinden. Die Stadt hat Schichten – und jede einzelne ist eine Entdeckung wert.
Nürnberg – Stadt des Friedens und der Menschenrechte
Nürnberg trägt eine doppelte historische Identität, die schwerer kaum sein könnte: Die Stadt war einerseits das Schaufenster des Nationalsozialismus – hier feierte die NSDAP ihre größten Propagandaerfolge, hier wurden die Nürnberger Gesetze verkündet, hier entstand am Reichsparteitagsgelände eine monumentale Machtarchitektur, die noch heute erschreckt. Andererseits wurde Nürnberg durch die Prozesse von 1945 zum Symbol für Gerechtigkeit und internationale Strafverfolgung.
Diese Spannung hat die Stadt zu einer ihrer Stärken gemacht. Nürnberg bezeichnet sich heute als „Stadt des Friedens und der Menschenrechte" und verleiht seit 1995 alle zwei Jahre den Internationalen Nürnberger Menschenrechtspreis an Personen und Organisationen, die sich weltweit für die Rechte anderer einsetzen.
Das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände
Wer das Memorium besucht hat, sollte unbedingt auch das Dokumentationszentrum am Reichsparteitagsgelände aufsuchen. Die unvollendete Kongresshalle, das Zeppelinfeld (fasste 200.000 Menschen) und die 360 Meter lange Zeppelintribüne sind bis heute erhalten – geisterhafte Zeugen einer dunkelsten Epoche, mitten in der modernen Stadt. Alle Tipps rund um Nürnbergs Sehenswürdigkeiten gibt es auf unserer Nürnberg-Übersichtsseite.
Nürnbergs mittelalterliches Erbe
Wer nach dem Gewicht der Geschichte etwas Luft braucht, findet sie in der mittelalterlichen Altstadt. Die Kaiserburg Nürnberg thront majestätisch über der Stadt und war von 1050 bis 1571 Residenz der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches – mit Kaisersälen, Burgkapelle und Panoramablick über die Dächer. Das Germanische Nationalmuseum gilt als größtes kulturhistorisches Museum des deutschsprachigen Raums und präsentiert über eine Million Objekte aus 30.000 Jahren Kulturgeschichte.
Geheimtipp: Was die meisten Besucher nicht wissen
Du glaubst, du kennst die Geschichte der Nürnberger Prozesse? Diese drei Fakten überraschen selbst geübte Geschichtskenner:
- Saal 600 war bis März 2020 ein aktiver Gerichtssaal: Jahrzehntelang fanden in demselben Saal, in dem über das Schicksal der NS-Täter entschieden wurde, ganz gewöhnliche Strafprozesse mit lokalen Richtern und Anwälten statt. Erst seit März 2020 ist er dauerhaft dem Memorium vorbehalten – und damit erstmals ausschließlich Gedenkstätte. Das macht ihn zu einem der ungewöhnlichsten Museumsräume Deutschlands.
- Weltpremiere der Simultandolmetschung: Die Nürnberger Prozesse waren die ersten Gerichtsverhandlungen weltweit mit technischer Simultandolmetschung in vier Sprachen – realisiert durch IBM. Jeder Prozessteilnehmer hatte Kopfhörer mit einem Kanal-Wahlschalter. Diese bahnbrechende Technik revolutionierte danach internationale Diplomatie und Konferenzen nachhaltig.
- Görings letztes Geheimnis: Der prominenteste Angeklagte, Reichsmarschall Hermann Göring, entzog sich dem Strang durch Selbstmord in seiner Zelle in der Nacht vor der geplanten Hinrichtung am 15. Oktober 1946. Wie er an die Zyankali-Kapsel gelangte, ist bis heute nicht restlos geklärt.
Unser Tipp für den Besuch: Plane mindestens einen halben Tag ein und kombiniere das Memorium mit dem Dokumentationszentrum am Reichsparteitagsgelände. Zusammen ergibt das ein eindringliches, vollständiges Bild von Nürnbergs Rolle im 20. Jahrhundert – und von der Kraft, daraus Verantwortung zu machen.
FAQ – Häufige Fragen zum Memorium Nürnberger Prozesse
- Wann ist das Memorium geöffnet?
- Sommer (April–Oktober): Mo/Mi–Fr 9–18 Uhr, Sa+So 10–18 Uhr. Winter (November–März): Mo–Fr und Sa+So je 10–18 Uhr. Dienstags geschlossen.
- Was kostet der Eintritt?
- Erwachsene 7,50 €, ermäßigt 2,50 €, Schulklassen 2 € pro Schüler, Familienkarte 8 €. Mit der Nürnberg Card: Eintritt inklusive.
- Wie lange sollte ich einplanen?
- 2–3 Stunden für die Dauerausstellung, mit Führung 3–4 Stunden. Mit Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände: ein ganzer Geschichtstag.
- Ist Saal 600 immer zugänglich?
- Nicht immer. Als Teil des aktiven Justizgebäudes kann er für Veranstaltungen gesperrt sein – aktuelle Infos auf der Museumswebsite.
- Wie komme ich zum Memorium?
- U-Bahn U1 bis „Bärenschanze" (ca. 5 Min. vom Hauptbahnhof). Adresse: Bärenschanzstraße 72, 90429 Nürnberg.
- Führungen auf Englisch?
- Ja, jeden Samstag um 14:00 Uhr öffentlich. Gruppenführungen in weiteren Sprachen auf Anfrage buchbar.