Weißgerbergasse - Nürnberg
Weißgerbergasse: Fachwerk und Handwerksgeschichte in der Altstadt
Wenn Nürnbergs Altstadt ein stilles Herzstück hätte, wäre es die Weißgerbergasse. Kaum eine andere Gasse in Deutschland lässt Sie so mühelos ins Mittelalter abtauchen – ohne Eintrittsgeld, ohne Führung, einfach beim Schlendern. Über 700 Jahre Geschichte blicken Ihnen hier aus Fachwerk und Kopfsteinpflaster entgegen: 22 historische Handwerkerhäuser aus dem 14. bis 17. Jahrhundert, jedes mit krummen Decken und dem unverkennbaren Charme langer Baugeschichte.
Einst lebten und arbeiteten hier die Weißgerber – Handwerker, die aus rohen Tierhäuten mit Alaun und Salz helles, weiches Leder fertigten. Das Sprichwort „Stinkende Häut machen reiche Leut" galt hier im wörtlichsten Sinne, und der damalige Reichtum spiegelt sich noch heute in den prachtvollen Innenhöfen und auskragenden Obergeschossen wider. Wer Nürnberg besucht, kommt an dieser Gasse nicht vorbei – und wer klug ist, kommt früh morgens, wenn die Gasse noch ganz ihm gehört.
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Geschichte der Weißgerbergasse
Das Handwerk der Weißgerber
Die Weißgerbergasse hat ihren Namen von einem Handwerk, das heute fast vergessen ist: dem Weißgerben. Im Unterschied zu Rotgerbern, die mit Eichenrinde arbeiteten, nutzten Weißgerber eine Mischung aus Alaun, Kochsalz, Mehl, Eiern und Baumöl, um rohe Häute von Kälbern, Schafen und Ziegen in weiches, helles Leder – das sogenannte Weißleder – zu verwandeln. Es war ein stinkendes, schweißtreibendes, aber äußerst einträgliches Gewerbe.
Der Standort an der Pegnitz war kein Zufall. Das Gerben verschlang ungeheure Mengen Wasser und verursachte Geruchsbelästigungen, die wir uns heute kaum mehr vorstellen wollen. Die Gasse liegt unmittelbar am ehemaligen Hallertor, wo das Flusswasser die Stadt bereits verlassen hatte – so blieben die anderen Altstadtbewohner von den übelsten Ausdünstungen weitgehend verschont. Die Häute weichten in gemauerten Kellerbecken ein, wurden in den Werkstätten verarbeitet und schließlich an der angrenzenden Stadtmauer zum Trocknen aufgehängt.
Von der Werkstatt zur Galerie – 700 Jahre im Überblick
Schon im Jahr 1837 zeigte sich, wie sehr Nürnberg seine Weißgerbergasse schätzte: Ein Antrag auf Umbenennung der Gasse in „Hallertorgasse" wurde von der Stadtverwaltung mit ausdrücklichem Verweis auf die historische Bedeutung des Straßennamens abgelehnt. Was damals eine bürokratische Entscheidung war, erwies sich als Glücksfall für die Nachwelt.
Wirklich dramatisch wurde die Geschichte der Gasse im Zweiten Weltkrieg: Während die alliierten Luftangriffe 1944 und 1945 rund 90 % der Nürnberger Altstadt in Schutt und Asche legten, blieb die Weißgerbergasse nahezu unversehrt. Warum genau, ist bis heute nicht vollständig geklärt – das Ergebnis ist jedenfalls ein in Deutschland einzigartiges Ensemble mittelalterlicher Handwerkerhäuser, das so nirgendwo sonst mehr existiert.
Das beeindruckendste Beispiel ist Weißgerbergasse Nr. 33: Ein Sandsteinturm aus der Zeit um 1250 – der älteste Teil des Gebäudes – wurde 1372 mit einem Fachwerkbau umhüllt. Damit gilt es laut wissenschaftlicher Untersuchung als das älteste Gerberhaus Deutschlands. Heute heißt das Haus „Tafelberg" und beherbergt eine Galerie- und Eventlocation, die regelmäßig für Ausstellungen und besondere Abende öffnet. Wer Glück hat, erwischt eine Vernissage und kann einen Blick in die faszinierende Baugeschichte des Hauses werfen – mit seinen schiefen Böden, wiederverwendeten Balken aus verschiedenen Jahrhunderten und jenem unverwechselbaren Gefühl, dass hier Zeit einfach anders tickt.
Warum gilt die Weißgerbergasse als bedeutendstes Fachwerkensemble Nürnbergs?
Die Antwort ist einfach: Weil hier 22 mittelalterliche Häuser den Zweiten Weltkrieg überlebt haben, während in der übrigen Nürnberger Altstadt kaum 8 % der historischen Bausubstanz erhalten blieb. Das macht die Weißgerbergasse zu einem der bedeutendsten Baudenkmalensembles Deutschlands – und zu einer der meistfotografierten Straßen Nürnbergs. Mehr als 50 % des Vorkriegsbestands stehen noch, jedes Haus mit eigener Baugeschichte und eigenem Charakter.
Kragbau, Butzenscheiben und verborgene Innenhöfe
Was die Häuser der Weißgerbergasse so besonders macht, ist nicht nur ihr Alter, sondern ihre Lebendigkeit. Die typische Fachwerkbauweise zeigt sich in den nach oben auskragenden Obergeschossen (Kragbau), in den farbig gefassten Gefachen zwischen den Holzbalken, in kleinen Fenstern mit historischen Butzenscheiben und in verschachtelten Innenhöfen mit Fachwerktreppen, Brunnen und üppigem Grün.
Haus Nr. 10, das von den Altstadtfreunden Nürnberg aufwendig restauriert wurde, beherbergt im ersten Obergeschoss einen prachtvollen Rokokosaal mit aufwendiger Holzvertäfelung – und im Dachwerk einen fast vollständig erhaltenen mittelalterlichen Dachstuhl aus dem Jahr 1390. Solche Zeitkapseln sind selbst für Fachleute ein seltener Fund.
Viele der schmalen Durchgänge zwischen den Häusern laden zum Entdecken verborgener Innenhöfe ein. Wer einfach stehen bleibt und nach oben schaut, sieht eine organisch gewachsene Architektur, die nach heutigen Bauvorschriften längst nicht mehr genehmigungsfähig wäre – und gerade deswegen so faszinierend ist. Die Häuser wachsen quasi aufeinander zu, die Obergeschosse kragen so weit aus, dass die Gasse an der engsten Stelle kaum breiter als ein großzügiger Flur erscheint.
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Sehenswürdigkeiten in der Nähe der Weißgerbergasse
Die Weißgerbergasse liegt im Herzen der Sebalder Altstadt und ist ein idealer Ausgangspunkt für einen Rundgang durch das mittelalterliche Nürnberg. Alles Wesentliche ist fußläufig erreichbar:
| Sehenswürdigkeit | Entfernung | Highlight |
|---|---|---|
| Sebalduskirche | ca. 3 Min. zu Fuß | Älteste Pfarrkirche Nürnbergs, gotisches Meisterwerk am Weinmarkt |
| Weinmarkt | ca. 2 Min. zu Fuß | Mittelalterlicher Platz direkt am östlichen Ende der Gasse |
| Henkersteg & Pegnitzinseln | ca. 5 Min. zu Fuß | Malerische mittelalterliche Brücken über die Pegnitz |
| Hauptmarkt & Schöner Brunnen | ca. 7 Min. zu Fuß | Zentraler Platz mit dem berühmten Wunschring am Goldenen Reif |
| Kaiserburg | ca. 10 Min. zu Fuß | Wahrzeichen Nürnbergs auf dem Burgberg, Panoramablick über die Altstadt |
| Albrecht-Dürer-Haus | ca. 10 Min. zu Fuß | Wohnstätte des berühmten Malers, heute Museum im Burgviertel |
Besonders lohnend ist der kurze Spaziergang zum Henkersteg und weiter über die Pegnitzinseln – eine malerische Route durch das mittelalterliche Nürnberg, die bei Besuchern oft unter dem Radar bleibt. Kombiniert mit einem Abstecher in die Sebalduskirche und einem Besuch am Weinmarkt ergibt sich daraus ein kleiner Stadtrundgang, der mindestens zwei Stunden füllt – oder mehr, wenn man alle Innenhöfe der Weißgerbergasse auskundschaftet.
Praktische Informationen zur Weißgerbergasse
| Kategorie | Information |
|---|---|
| Adresse | Weißgerbergasse, 90403 Nürnberg (Stadtbezirk Sebald) |
| Öffnungszeiten | Öffentliche Fußgängerzone, jederzeit kostenlos zugänglich (24/7) |
| Eintritt | Kostenlos |
| Anreise ÖPNV | Straßenbahn Linie 4, Haltestelle „Hallertor" (westlicher Zugang) |
| Anreise Bahn | Vom Hauptbahnhof Nürnberg ca. 15 Min. zu Fuß durch die Altstadt |
| Beste Reisezeit | Frühling (April–Mai) für wenig Betrieb; Advent für festliche Atmosphäre |
| Fotografie-Tipp | Frühe Morgenstunden (7–9 Uhr) für menschenleere Aufnahmen |
| Parken | Nicht in der Gasse; Parkhäuser in der Umgebung (z. B. Parkhaus Hauptmarkt) |
Für einen entspannten Aufenthalt in Nürnberg empfiehlt sich ein Kurztrip von mindestens zwei Nächten, um die Weißgerbergasse und die anderen Sehenswürdigkeiten in Ruhe zu erleben. Die Gasse selbst lässt sich in 30 bis 60 Minuten erkunden – wer sich aber für Innenhöfe, Gastronomie und die umliegenden Sehenswürdigkeiten interessiert, plant besser einen halben Tag ein. In der Adventszeit ist die Gasse in unmittelbarer Nähe zum weltberühmten Nürnberger Christkindlesmarkt besonders stimmungsvoll und abends festlich beleuchtet.
Häufige Fragen zur Weißgerbergasse
Was bedeutet der Name „Weißgerbergasse"?
Der Name stammt von den mittelalterlichen Weißgerbern. Sie verarbeiteten rohe Häute von Kälbern, Schafen und Ziegen mit Alaun und Salz zu weichem, hellem Leder – dem sogenannten Weißleder. Im Gegensatz dazu nutzten Rotgerber pflanzliche Gerbstoffe wie Eichenrinde für dunkleres, härteres Leder.
Wie viele Häuser sind original erhalten?
Von ursprünglich rund 40 Gebäuden haben 22 historische Handwerkerhäuser den Zweiten Weltkrieg überstanden. Das entspricht einer Erhaltungsquote von über 50 % – ausgesprochen ungewöhnlich in einer Stadt, in der die Luftangriffe fast 90 % der Altstadt vernichteten.
Ist der Besuch kostenlos?
Ja, die Weißgerbergasse ist eine öffentliche Fußgängerzone und rund um die Uhr kostenlos zugänglich. Einige Gebäude und Innenhöfe können bei Veranstaltungen oder Führungen besucht werden.
Wann ist die beste Reisezeit?
Für Fotografen und alle, die die Gasse in Ruhe genießen möchten: früh morgens, bevor Touristengruppen kommen. Im Frühling (April bis Mai) ist der Andrang am geringsten. In der Adventszeit lockt die festlich beleuchtete Gasse mit weihnachtlicher Atmosphäre in unmittelbarer Nähe zum weltberühmten Christkindlesmarkt.
Geheimtipp: Das verborgene Nürnberg
Der wohl schönste Tipp für die Weißgerbergasse hat keinen Eintritt und keine Öffnungszeiten: Kommen Sie früh morgens. Gegen 7 oder 8 Uhr gehört Ihnen die Gasse fast allein – das Kopfsteinpflaster glänzt noch feucht, die Fachwerkhäuser werfen lange Schatten, und das einzige Geräusch ist vielleicht eine Amsel irgendwo in einem der verborgenen Innenhöfe.
Nehmen Sie sich Zeit für die schmalen Durchgänge zwischen den Häusern. Hinter manchen Fassaden verstecken sich mittelalterliche Innenhöfe mit alten Brunnen, Fachwerktreppen und kleinen Gärten – Räume, die man von der Straße aus nicht erahnen würde. Und noch ein Tipp: Wer am Abend in die Mata Hari Bar (Nr. 31) einkehrt, erlebt die Gasse in einem ganz anderen Licht. Die Kultbar aus dem Jahr 1994 ist kein Touristenlokal, sondern echter Nürnberger Stadtkultur-Treffpunkt – und das Bier schmeckt nach 700 Jahren Weißgerbergasse irgendwie besser.