Hexenturm Fulda

Hexenturm: Mittelalterliche Stadtgeschichte und ein rätselhafter Name

Er steht scheinbar unbeeindruckt inmitten des modernen Fuldaer Alltags: der Hexenturm an der Kanalstraße 1. Mit knapp 14 Metern Höhe ist er das besterhaltene mittelalterliche Befestigungswerk der Barockstadt – und sein Name allein sorgt dafür, dass Besucher zweimal hinschauen. Seit dem späten 19. Jahrhundert haftet dem einstigen Wächterturm dieser Name an, und wer einmal durch Fulda schlendert, wird den massiven Rundturm aus dem 12. Jahrhundert kaum übersehen können.

Ob Sie die Geschichte der Domstadt lieben, mittelalterliche Stadtbefestigungen faszinierend finden oder schlicht wissen möchten, was es mit dem Turm und seinem düsteren Namen wirklich auf sich hat – rund um dieses steinerne Relikt hält Fulda einige Überraschungen bereit. Entdecken Sie das mittelalterliche Erbe der Barockstadt und erfahren Sie, warum der Hexenturm viel mehr ist als nur ein mystischer Name.

Geschichte des Hexenturms in Fulda

Der Hexenturm ist Teil der einstigen inneren Stadtmauer Fuldas und eines der wenigen erhaltenen Zeugnisse mittelalterlicher Befestigungsarchitektur in der Region. Erbaut im 12. Jahrhundert, sicherte er das sogenannte Frauentörlein – einen schmalen Durchgang, der den Klosterbezirk der Benediktinerabtei mit der Bürgerstadt verband. Die ältesten nachgewiesenen Holzteile im Mauerwerk stammen dendrochronologischen Untersuchungen zufolge aus dem Jahr 1433 und belegen spätere Umbauten sowie Instandsetzungen.

Im Laufe des Mittelalters erhielt der Turm eine zweite Funktion: Er diente als Frauengefängnis. Spätestens damit begann die mystische Aufladung des Ortes, die sich bis heute hält. Allerdings: Der Name „Hexenturm" ist eine relativ junge Erfindung – er bürgerte sich erst im späten 19. Jahrhundert im Volksmund ein, als die Erinnerung an die Fuldaer Hexenprozesse wieder auflebte.

MerkmalDetails
StandortKanalstraße 1, 36037 Fulda
Baujahr12. Jahrhundert
Höheca. 14 Meter
TypRundturm, Teil der inneren Stadtmauer
Ursprüngliche FunktionWächterturm am Frauentörlein
Spätere NutzungFrauengefängnis
NamensgebungVolksmund, Ende 19. Jahrhundert
Älteste Holzteile1433 (dendrochronologisch belegt)

1845 wurden das Torgebäude und große Teile der Stadtbefestigung abgerissen – der Turmschaft blieb erhalten, stand seitdem aber ohne sein ursprüngliches Dach. Das Fehlen des Daches hatte über die Jahrzehnte massive Wasserschäden am Mauerwerk zur Folge. Wer heute das Dommuseum Fulda besucht und dabei durch die Altstadt schlendert, passiert den Hexenturm fast zwangsläufig – er steht unweit des Doms in bequemer Fußläufigkeit.

War der Hexenturm wirklich ein Hexengefängnis?

Diese Frage stellen sich viele Besucher – und die historische Wahrheit ist weniger spektakulär, als der Name vermuten lässt. Zwischen 1600 und 1606 wüteten unter Fürstabt Balthasar von Dernbach in Fulda und der Umgebung grausame Hexenprozesse, bei denen schätzungsweise 270 Menschen – überwiegend Frauen – ihr Leben verloren. Geleitet wurden die Verfahren von Balthasar Nuss, einem berüchtigten sogenannten „Hexenkommissar".

Die Opfer wurden jedoch im Fuldaer Stadtschloss gefangen gehalten, nicht in diesem Turm. Der Name „Hexenturm" entstand erst Ende des 19. Jahrhunderts im Volksmund – als eine Art kollektive Erinnerung an die dunkle Zeit der Verfolgung, die sich an dem alten, einsamen Mauerturm festmachte. Zur offiziellen Erinnerung an die Opfer der Hexenprozesse wurde 2008 auf dem Alten Domfriedhof ein Gedenkstein errichtet.

Aktuelle Sanierung: Der Turm bekommt sein Dach zurück

Lange stand der Hexenturm denkmalerhalterisch vor großen Herausforderungen. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2021 dokumentierte erhebliche Wasserschäden am Mauerwerk – direkte Folge des fehlenden Daches seit dem 19. Jahrhundert. Inzwischen sind Sanierungsarbeiten angelaufen. Geplant sind ein rekonstruierter hölzerner Turmhelm sowie eine Stahlwendeltreppe außen bis etwa sechs Meter Höhe. Danach soll der Turm für Stadtführungen mit bis zu 15 Personen zugänglich gemacht werden – dann können Besucher wieder hinaufsteigen, wo einst Wachen ihre Runden drehten.

Wer mehr über die spannende Geschichte Fuldas erfahren möchte, sollte auch einen Blick in den Fuldaer Dom und seine umliegenden Sehenswürdigkeiten werfen. Die Barockstadt bietet weit mehr als ihren mittelalterlichen Wehrturm – sie ist eine der best erhaltenen Barock-Residenzstädte Deutschlands.

Wer den Hexenturm besucht, ist ohnehin schon mitten in einem der schönsten Viertel Fuldas unterwegs. Die Barockstadt bietet rund um das mittelalterliche Relikt ein dichtes Programm an Kultur, Geschichte und Natur – alles in fußläufiger Reichweite:

  • Fuldaer Dom und Dommuseum: Nur wenige Gehminuten entfernt wartet das bedeutendste kirchliche Schatzmuseum Hessens mit über 1.250 Jahren Kirchengeschichte und dem Grab des heiligen Bonifatius.
  • Michaelskirche: Die karolingische Rundkirche auf dem Michaelsberg gehört zu den ältesten erhaltenen Sakralbauten Deutschlands und bietet einen herrlichen Blick über die Altstadt.
  • Schlosspark und Orangerie: Barocke Gartenarchitektur in Perfektion – das Ensemble aus Stadtschloss, Schlosspark und Orangerie zählt zu den schönsten seiner Art in Deutschland.
  • Stadtschloss Fulda: Das fürstbischöfliche Residenzschloss mit seinen Prunkräumen lässt die barocke Glanzzeit der Domstadt lebendig werden.
  • Petersberger Stiftskirche: Auf dem Petersberg, mit Blick über Fulda, liegt eine der ältesten Kirchen Hessens – ein lohnender Ausflug am Rande der Stadt.

Für Ausflüge in die Umgebung empfiehlt sich ein Abstecher in die Rhön – das „Land der offenen Fernen" liegt buchstäblich vor der Haustür Fuldas. Wer Hessen noch breiter entdecken möchte, findet auf der Hessen-Übersichtsseite weitere Inspirationen für den nächsten Kurzurlaub in einer der vielfältigsten Regionen Deutschlands.

Häufig gestellte Fragen zum Hexenturm

Wo steht der Hexenturm in Fulda?

Der Hexenturm steht an der Kanalstraße 1, 36037 Fulda – mitten im historischen Altstadtbereich, in wenigen Gehminuten vom Dom erreichbar. Er ist das besterhaltene mittelalterliche Befestigungsbauwerk der Barockstadt.

Wann wurde der Hexenturm erbaut?

Im 12. Jahrhundert, als Teil der inneren Stadtbefestigung von Fulda. Die ältesten Holzteile wurden dendrochronologisch auf das Jahr 1433 datiert und belegen spätere Reparaturen und Umbauten.

Was hat der Turm wirklich mit den Hexenprozessen zu tun?

Eigentlich nichts Direktes: Der Name entstand erst im späten 19. Jahrhundert im Volksmund. Die Opfer der Fuldaer Hexenprozesse (1600-1606) unter Fürstabt Balthasar von Dernbach saßen im Stadtschloss ein, nicht in diesem Turm.

Kann man den Hexenturm besichtigen?

Aktuell laufen Sanierungsarbeiten. Nach Abschluss soll der Turm im Rahmen von Stadtführungen zugänglich sein – geplant ist eine Außentreppe bis ca. 6 Meter Höhe sowie ein rekonstruierter hölzerner Turmhelm mit Aussicht über die Altstadt.

Geheimtipp: Was die meisten Besucher übersehen

Fast niemand weiß es: Direkt neben dem Hexenturm steht das Geburtshaus von Ferdinand Braun (1850–1918) – einem der bedeutendsten Physiker des 19. Jahrhunderts und Nobelpreisträger von 1909. Braun erfand die Braunsche Röhre (Kathodenstrahlröhre), die Grundlage für alle Bildschirme und Fernseher des 20. Jahrhunderts. Eine dezente Gedenktafel am Haus erinnert an ihn – die meisten Touristen laufen achtlos daran vorbei, auf dem Weg zwischen Hexenturm und Dom.

Und noch ein Tipp für Gartenfreunde: Nur wenige Minuten vom Hexenturm entfernt liegt im Schlosspark der Dahliengarten Fulda mit über 30 verschiedenen Dahlien-Sorten. Von August bis Oktober blüht er in spektakulärer Farbenpracht – ein fröhliches Kontrastprogramm zum grauen Mittelaltergemäuer. Kombinieren Sie den Hexenturm-Besuch einfach mit einem Spaziergang durch den Schlosspark: Mittelalter trifft Barockgarten, Mystik trifft Dahlie. Fulda macht das möglich.

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