Zittauer Fastentücher

Zittauer Fastentücher – Mittelalterliche Bilderbibel

Mitten in der Oberlausitz, in der malerischen Dreiländerregion Deutschland–Polen–Tschechien, bewahrt die Stadt Zittau eines der bedeutendsten mittelalterlichen Textilkunstwerke Europas. Die Zittauer Fastentücher – ein Großes aus dem Jahr 1472 und ein Kleines aus dem Jahr 1573 – sind lebendige Zeugnisse einer fernen Glaubenswelt und gehören zu den faszinierendsten Kulturschätzen Deutschlands. Kein anderes Museum der Welt kann gleich zwei solcher Textilien in ihrer ursprünglichen liturgischen Funktion zeigen.

Was sind die Zittauer Fastentücher?

Fastentücher waren großformatige Textilien, die im Mittelalter während der vorösterlichen Fastenzeit aufgehängt wurden, um den Altarraum von Kirchen zu verhüllen. Dieser Brauch diente als seelische Bußübung: Die Gläubigen sollten den Anblick des Altars entbehren und sich so intensiver auf das Leiden Christi besinnen. Die Tücher entstanden meist im 14. und 15. Jahrhundert und sind heute äußerst selten erhalten.

In Zittau überlebten gleich zwei dieser Kunstwerke die Jahrhunderte – ein europäisches Alleinstellungsmerkmal. Ihre Erhaltung verdanken die Fastentücher auch der religiösen Toleranz der Oberlausitz: Trotz Reformation und Bildersturm pflegte die evangelische Gemeinde die katholischen Tücher weiter und schützte sie so vor der Vernichtung.

Das Große Zittauer Fastentuch – Eine mittelalterliche Bilderbibel

Das Große Zittauer Fastentuch entstand im Jahr 1472 und ist damit über 550 Jahre alt. Mit seinen gewaltigen Maßen von 8,20 Metern Höhe und 6,80 Metern Breite gehört es zu den größten erhaltenen mittelalterlichen Leinentüchern der Welt. Ein bis heute unbekannter Meister schuf auf dem Leinen 90 Szenen aus dem Alten und Neuen Testament – von der Erschaffung der Welt bis hin zum Jüngsten Gericht. Die Bibel in Bildern, zugänglich für alle, die nicht lesen konnten.

Rund 200 Jahre lang hüllte dieses monumentale Kunstwerk jedes Jahr in der Fastenzeit den Altarraum der Zittauer Hauptkirche St. Johannis ein. Dass es die Reformation überstand, grenzt an ein Wunder: Als der Bildersturm in der Mitte des 16. Jahrhunderts wütete, verschonte die evangelische Gemeinde das Tuch und verwendete es weiter – ein stilles Zeichen religiöser Toleranz in der Oberlausitz.

Seine größte Bewährungsprobe erlebte das Fastentuch im Juni 1945: Stark beschädigt, aber vollständig wurde es geborgen. Jahrzehntelang lagerte es unter nicht optimalen Bedingungen, bis 1994/95 die weltweit renommierte Abegg-Stiftung im schweizerischen Riggisberg das Tuch als "Kunstwerk von Weltgeltung" aufwändig restaurierte.

Fakten zum Großen Zittauer Fastentuch

MerkmalDetails
Entstehungsjahr1472
Maße8,20 m × 6,80 m
MaterialLeinen
Anzahl der Szenen90 Szenen aus Altem und Neuem Testament
UrheberUnbekannter mittelalterlicher Meister
Restaurierung1994/95 durch die Abegg-Stiftung, Riggisberg/Schweiz
Ausstellung seit1999 im Museum Kirche zum Heiligen Kreuz
RekordGrößte Museumsvitrine der Welt (Guinness Buch der Rekorde)

Das Kleine Zittauer Fastentuch

Weniger bekannt, aber nicht weniger beeindruckend: Das Kleine Zittauer Fastentuch stammt aus dem Jahr 1573 und ist damit gut 100 Jahre jünger als sein großer Bruder. Mit Maßen von etwa 4,5 × 3,5 Metern zeigt es 20 Szenen aus der Passion Christi – vom Einzug in Jerusalem bis zur Auferstehung. Es gilt als feiner gearbeitet und von hoher künstlerischer Qualität.

Auch das Kleine Fastentuch wurde 1994/95 von der Abegg-Stiftung restauriert und ist seitdem gemeinsam mit dem Großen Fastentuch im Museum Kirche zum Heiligen Kreuz in Zittau zu sehen. Beide Tücher zusammen bilden ein einzigartiges Ensemble, das weltweit ohne Vergleich ist. Es ist das einzige Museum der Welt, das Fastentücher in ihrer ursprünglichen liturgischen Funktion – der Verhüllung eines Altars – präsentiert.

Das Museum Kirche zum Heiligen Kreuz – Wo die Fastentücher zu erleben sind

Seit 1999 sind die Zittauer Fastentücher im Museum "Kirche zum Heiligen Kreuz" zu sehen – einem der ungewöhnlichsten Museen Deutschlands. Das Gebäude liegt auf dem historischen Kreuzfriedhof der Stadt und ist selbst ein Denkmal von großem kulturhistorischem Wert. Eigens für die Fastentücher wurde die größte Museumsvitrine der Welt geschaffen, mit der sich das Museum als einziges der Welt im Guinness-Buch der Rekorde wiederfindet.

Im Herzstück des Museums hängt das Große Fastentuch in seiner ursprünglichen liturgischen Funktion – es verhüllt einen Altar, so wie es in der Fastenzeit jahrhundertelang in der Kirche St. Johannis getan wurde. Dieses authentische Erleben macht einen Besuch zu einem echten Moment der Zeitreise. Wer genug Zeit mitbringt, kann regelmäßigen Meditationen und stimmungsvollen Konzerten vor dem historischen Tuch beiwohnen.

Neben den Fastentüchern zeigt das Museum eine Sammlung historischer Grabdenkmäler (Epitaphien) aus dem 16. bis 18. Jahrhundert, die ebenfalls von der reichen Kunstgeschichte Zittaus zeugen.

Adresse Museum Kirche zum Heiligen Kreuz
Kreuzfriedhof, Frauenstraße 23, 02763 Zittau

Aktuelle Öffnungszeiten finden Sie hier

Zittau und das Zittauer Gebirge: Was es rund um die Fastentücher zu erleben gibt

Ein Besuch der Zittauer Fastentücher lohnt sich am meisten, wenn man die wunderschöne Umgebung gleich mit erkundet. Zittau selbst überrascht mit einem der stattlichsten Marktplätze der Oberlausitz, umgeben von Bürgerhäusern aus dem 16. bis 19. Jahrhundert, einem historischen Rathaus und dem Stadtbrunnen. Die Dreiländerlage Deutschland–Polen–Tschechien macht Zittau zu einem lebendigen Knotenpunkt verschiedener Kulturen.

Das direkt vor der Haustür liegende Zittauer Gebirge ist eine der kleinsten, aber charmantesten Mittelgebirgsregionen Deutschlands. Hier finden sich Wanderwege für jedes Niveau, markante Felsformationen und das einzigartige Ambiente kleiner Fachwerkdörfer.

  • Tafelberg Oybin: Mittelalterliche Burgruine und Klosteranlage mit grandiosem Panorama über die Dreiländerregion
  • Zittauer Schmalspurbahn: Die "Bimmelbahn" – eine historische Dampfeisenbahn, die seit 1890 durch das Gebirge tuckert
  • Schmetterlingshaus Jonsdorf: Tropische Schmetterlinge hautnah erleben – ideal für Familien
  • Felsentor im Zittauer Gebirge: Markantes Sandsteintor als Wahrzeichen der Wanderregion
  • Naturpark Zittauer Gebirge: Rund 130 km² geschützter Naturraum für Wandern, Radfahren und Naturbeobachtung
  • Sorbische Kultur: Die Oberlausitz ist Heimat der Sorben – mit lebendigen Bräuchen, bunten Ostereiern und eigener Sprache

Häufig gestellte Fragen zu den Zittauer Fastentüchern

Geheimtipp: Die Fastentücher im Kerzenschein

Das Museum Kirche zum Heiligen Kreuz veranstaltet regelmäßig Abendveranstaltungen und Konzerte im Angesicht des Großen Fastentuchs – manchmal bei gedimmtem Licht und Kerzenbeleuchtung. Diese atmosphärischen Abende sind ein absoluter Geheimtipp: Das matte Licht lässt die über 550 Jahre alten Farben und Konturen der 90 biblischen Szenen ganz anders wirken als bei Tageslicht. Wer das Fastentuch wirklich erleben möchte und nicht nur sehen – dem sei ein solches Konzert oder eine Meditation wärmstens empfohlen. Aktuelle Termine finden sich auf der Website der Städtischen Museen Zittau.

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