Musikwinkel Vogtland

Das sächsische Vogtland kann auf eine beeindruckend lange Tradition im Instrumentenbau zurückblicken. In Markneukirchen, Klingenthal und den Orten ringsherum werden bereits seit dem 17. Jahrhundert Orchesterinstrumente für den Weltmarkt gefertigt. Vogtländische Geigen, Bässe, Meistergitarren, Akkordeons, Zithern, Saxofone, Gamben und Mundharmonikas spielen bis heute in den besten Ensembles der Welt.

Die nahe Grenze zu Tschechien gab der Ansiedlung dieses einzigarigen Handwerks den entscheidenden Impuls. Im Dreißigjährigen Krieg floh ein protestantischer Geigenbauer aus Böhmen ins evangelische Vogtland und begründete die große Instrumentenbauer-Ära. 1677 waren es schon so viele Meister der Töne, dass sie in Markneukirchen eine Innung ins Leben riefen. Eine Tafel an der Nicolaikirche im Ortszentrum erinnert daran.

Vor dem Ersten Weltkrieg kamen stolze 80 Prozent der abendländischen Musikinstrumente aus dem Vogtland, in Markneukirchen gab es mehr als ein Dutzend Millionäre. Die prachtvollen Fassaden der Neobarock- und Jugendstilvillen sind bis heute Zeugnis der guten alten Zeit. Damals gehörten sie Händlern, die den weltweiten Vertrieb der Instrumente organisierten. "Fortschicker" nannten die Instrumentenbauer sie verächtlich. Denn nicht die fleißigen Tüftler und Friemler, sondern sie waren es, die das große Geld machten und irrsinnige Gewinne einheimsten.

Um den Export in die Vereinigten Staaten zu vereinfachen, unterhielten die USA sogar eine Konsular-Agentur in Markneukirchen. Besonders Geigen waren gefragt, nicht zuletzt dank eines Etikettenschwindels: Man vermarktete sie unter dem Fantasienamen "Andreas Morelli". Klang nach Stradivari und legendären italienischen Meistern. 1943 wappneten sich dann 16 mutige Meister gegen die Fortschicker. Eine Einkaufs- und Vertriebsgenossenschaft wurde gegründet, die Migma (Musikinstrumenten-Handwerker-Genossenschaft Markneukirchen).

Kein Krieg, keine Weltwirtschaftskrise und auch nicht der Sozialismus taten dem Erfolg der vogtländischen Instrumente Abbruch. Der große Einschnitt kam erst mit der Wende und der Währungsumstellung. Westliche Grossisten zogen osteuropäische und asiatische Billigware vor. Der Weltmarktanteil der Vogtländer schmolz auf 1,5 Prozent zusammen. Rund 5.000 Stellen wurden im Musikinstrumentenbau abgebaut. Besonders betroffen waren industrielle Fertigungen und Großbetriebe.

Nicht zuletzt dadurch gewannen die kleinen und mittleren Meisterbetriebe wieder an Bedeutung. Das Handwerk, das meist innerhalb der Familie von Generation zu Generation weiter gegeben wird, kann man aber auch akademisch erlernen - im Studiengang Musikinstrumentenbau in Markneukirchen. Das Studium gehört zur Fachhochschule Chemnitz und ist weltweit einmalig. Ein Fünftel der Studenten kommt aus dem Ausland.

Übrigens: Auch das von Einsatzfahrzeugen der Polizei und Feuerwehr bekannte Martinshorn heißt so, weil Max B. Martin es entwickelt hat - 1932 in Markneukirchen.

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