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DIE SAGE VON DER LORELEY

In der Loreleyhöhle, die der Bornicher Gemeinde während des Dreißigjährigen Krieges als Zufluchtstätte diente und erst dem Tunnelbau 1863-68 zum Opfer fiel, wohnte einst die Bergfrau "Loreley". Geheimnisvoll verhallte die Stimme der anmutigen Fee im Echo der Felskulissen. Unzählige Männerherzen ließ sie höher schlagen und erbeben in seliger Wonne.

Besonders, wenn die schroffen Wände der Ley in der Abendsonne glühten oder die Klippen in des Mondes gelber Beleuchtung sich aus den strudelnden Salmwassern zu Füßen der Grottengebilde widerspiegelten, war ihre lichte Gestalt auf den Bergzinnen zu erkennen. Mancher Schiffmann, der ihre Nähe suchte, versank in dem Gewirr der Brecher, ohne dass man seine Leiche je zu bergen vermochte.

Nur einigen Fischern der Salmwooge im oberen "Fabian" und unterhalb des "Teufelsitzes" schien sie zugetan. Ihre nächtlichen Fänge wurden so ergiebig, dass ihnen der Wohlstand bereits nach wenigen Jahren erlaubte, die ärmlichen Hütten am Rhein mit zwei- und dreistöckigen Gebäuden in der großen Burgstraße zu tauschen. Habgierige oder schwatzhafte Salmknechte, die über ihre Begegnungen mit der schönen Jungfrau plauderten, verließ jäh das Jagdglück für immer.

Doch so blieb die Gunst, die sie Begnadeten erwies, kein Geheimnis. Der Ruf ihrer anmutigen Schönheit drang weit über die Grenzen des mittelrheinischen Landes hinaus. Auch der junge Erbgraf von der Pfalz erfuhr von der wonnesamen Huld, die manchem Schützling zu Teil wurde. Von unnennbarer Sehnsucht erfasst, verließ der Jüngling heimlich die Obhut des väterlichen Hoflagers, um die Liebe der schönen Loreley zu gewinnen. In ihr Zauberreich steuerten ihn gleichaltrige Schiffer. Als das Abendrot verging und die ersten Sterne am Himmel funkelten, erreichte das gräfliche Fahrzeug die gigantische Schlucht unterhalb der "Sieben Jungfrauen".

Im Banne eines wundersamen Gesanges, der in den Felskulissen widerhallte, gewahrten sie die liebreizende Erscheinung der Loreley über der steilsten Gesteinswand. Ungestüm trieb der Junggraf die Ruderknechte zum Landen. Nun trennten sie nur noch wenige Schrittlängen vom Geröllufer. Doch alle starrten empor. Da erlahmte ihre Kraft an den Riemen und der Steuermann vergaß seine Pflicht. Führerlos schwankte der Nachen zu Tal. In jäher Ungeduld sprang der Erbfgraf von Bord und verschwand mit dem Aufschrei " O Loreley!" im Sog der Strudel.

Nachdem der Pfalzgraf von den heimkehrenden Gefährten seines Sohnes dessen Ende erfahr, befahl er, die Verderberin seines Erben zu fangen. Am gleichen Abend nahte ein pfalzgräflicher Hauptmann mit rachwütigen Kriegsleuten dem Gestade der Loreley, die sie dort in den gespenstigen Schleidern der Steilwand erspähten. Bald war der Berg umstellt und der Hauptmann erstieg mit den Kühnsten das Felsmassiv.

Auf vorspringender Kuppe gewahrten sie die Zauberin wieder. "Heidenweib, jetzt musst du deine Untaten büßen!" schrie der Anführer, als er der Unholdin den Weg zur Grotte versperrte. "Das steht nicht bei dir!" rief die Bedrängte. Sie warf ihr Perlengeschmeide in die Flut, und ihre Stimme schrillte über das Wasser:

"Vater, geschwinde, geschwind!
Die wilden Rosse schick deinem Kind!
Es will reiten mit Wogen und Wind!"

Sturzwellen erhoben sich felshoch gleich rasenden Strandbrechern und trugen die Fee fort in das Grau der abendroten Dünste, bis sie entschwand. Totenstill war es über den brausenden Wogen. Seit diesem Begebnis war die Loreley nicht mehr zu sehen...

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