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MEER, SEEN / NR. 0611 |
Mit seinen Schlossbauten und diversen anderen Ausgaben strapazierte Ludwig II. die Staatskasse so arg, dass sich der Schuldenberg 1884 bereits auf über acht Millionen Reichsmark türmte. Spätestens jetzt war für die Minister gesteigerter Handlungsbedarf gegeben - schon allein deswegen, weil sie ihre eigene Macht und das Ansehen Bayerns gefährdet sahen. Ohnehin hielt man Ludwig mittlerweile für einen Verrückten, dessen man sich entledigen sollte.

Ob Ludwig tatsächlich geisteskrank war, ist bis heute umstritten. Immer wieder wurden posthum Diagnosen gestellt, in der Tat meist mit dem Ergebnis: paranoide Schizophrenie. Zumindest scheint der in seinen letzten Lebensjahren völlig Vereinsamte an Halluzinationen gelitten zu haben. Ohne Zweifel hat er physisch stark abgebaut. Er ernährte sich unmäßig und ungesund, trank viel Alkohol. Sein einst schlanker Körper war aufgedunsen und fast alle Zähne fielen ihm aus. Zum Schlafen benötigte er Medikamente. Am Ende war er nur noch ein Schatten früherer Tage.
Einige Nervenärzte unter der Leitung des Obermedizinalrats Dr. von Gudden erstellen in aller Eile ein psychiatrisches Gutachten über den König. Aufgrund von sehr zweifelhaften Zeugenaussagen, und ohne Ludwig II. je untersucht zu haben, fällten sie ihr Urteil: "Wir erklären einstimmig: Seine Majestät sind in sehr weit fortgeschrittenem Stadium seelengestört, und zwar leiden Allerhöchstdieselben an jener Form von Geisteskrankheit, die den Irrenärzten aus Erfahrung wohl bekannt, mit dem Namen Paranoia (Verrücktheit) bezeichnet wird..."
Ludwig II., der sich in den Tagen der Verschwörung in Neuschwanstein aufhält, soll unter strengen Sicherheitsvorkehrungen nach Schloss Berg am Starnberger See gebracht werden. Eine so genannte "Fangkommission" wird nach Neuschwanstein geschickt, Gendarmen umstellen das Märchenschloss. Dem König bleibt keine Möglichkeit, zu fliehen. Er denkt an Selbstmord: "Von der höchsten Stufe des Lebens hinab geschleudert zu werden in ein Nichts - das ist ein verlorenes Leben, das ertrage ich nicht. Dass man mir die Krone nimmt, könnte ich verschmerzen, aber dass man mich für irrsinnig erklärt hat, überlebe ich nicht."
Ludwig II. verlangt von einem Kammerdiener den Schlüssel zum Turm. Doch der Schlüssel ist unauffindbar. Wahrscheinlich könnte Ludwig II. auch jetzt noch fliehen, doch er ist kein Kämpfer oder Krieger.
Der entmündigte Monarch wird in sein Schloss nach Berg am Starnberger See gebracht. Es soll eiligst in ein Irrenhaus umgebaut werden. Die Türklinken werden abmontiert und Gucklöcher gebohrt, durch die der König beobachtet werden soll. Man plant weitere Sicherheitsmaßnahmen. Doch dazu kommt es nicht mehr...
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