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MEER, SEEN / NR. 0611 |
Nicht nur die Bayern nennen ihn heute noch liebe- und ehrfurchtsvoll ihren "Kini". Ludwig II. fasziniert die Menschen weltweit und lockt jedes Jahr Millionen Touristen an. Ein wenig verwunderlich ist das schon. Denn kaum ein Monarch erledigte seine Aufgaben als Landesoberhaupt so unwillig und so mangelhaft wie Ludwig II.: Er unternahm lieber mitternächtliche Schlittenfahrten im Fackelschein, als sich den Amtsgeschäften zu widmen. Er besuchte lieber heimlich Richard Wagner in der Schweiz, als sich um seine Soldaten im Krieg zu kümmern. Er verschwendete horrende Summen, um private Träume zu verwirklichen. Zurückgezogen in vollkommener Einsamkeit, bezeichnete man ihn schließlich als wahnsinnig.

Trotzdem wurde er zu einem der populärsten Könige aller Zeiten. Seine Kunstversessenheit, seine Weltabgewandtheit und sein rätselhafter Tod reizen die Menschen bis heute zu sehr. Sein Schicksal wurde in etlichen Filmen, Theaterstücken und zwei Musicals verewigt. Seine Märchenschlösser ziehen jährlich Millionen Besucher an. Und immer noch gibt es Fanclubs, die ihm eisern die Treue halten.
Ludwigs Vorstellung vom eigenen Amt war geprägt von der uneingeschränkten Machtfülle der großen französischen Könige des Absolutismus. Doch sein übersteigertes Herrscherbewusstsein stand in keinem Verhältnis zu seinen Möglichkeiten. Das Königtum, wie er es verstand, gab in der Realität längst nicht mehr. So baute er es wenigstens in der Idealität wieder auf - mit seinen Traum-Schlössern. Zumindest im Reich der Kunst wollte er eben unumschränkter Herrscher sein. Dabei entwickelte er keinen neuen Architekturstil. Ludwig bediente sich vielmehr aus einem historischen Fundus: aus dem Frankreich des 17. und 18. Jahrhunderts, aus der germanisch-mittelalterlichen Mythenwelt und aus orientalischem Märchenzauber. So entstand ein Sammelsurium unterschiedlichster Baustile.
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