Die Glieder baden, wo Schlangen Nester bauen...

Wenn an klaren Wintermorgen die Taunusgipfel mit weißen Schneekappen auf die Mainebene schauen, färbt manchmal die Sonne die Dunstwolken über den Bergen rosa.

Hinter dieser romantischen Kulisse, in nur dreihundert Meter Höhe, versteckt dann eine geschlossene Schneedecke die Licht- und Schattenseiten der waldreichen Taunushügel. Wenige Kilometer von Wiesbaden entfernt, am westlichsten Zipfel des hessischen Mittelgebirges, liegen dann die Dörfer wie dunkle Teiche im Schnee. Als schwarzer Strich zieht sich die Straße über die Höhen nach Norden. "Bäderstraße" steht auf einem braunen Schild.

Wo sich die Höhenzüge in einer weichen Rundung vereinen, liegt Schlangenbad. Aus der rechten Berghälfte sprudeln die warmen Quellen und nähren den winzigen Bach, der sich wie eine offene Nahtstelle dunkel durch den Schnee zieht. An sehr kalten Tagen steht eine Dampfspur über dem Wasser mit dem treffenden Namen "Warmer Bach". In Schlangenbad ragt auf jeder Seite des dampfenden Rinnsals ein Kirchturm empor, links der katholische und rechts der protestantische. Beide Gotteshäuser entstanden erst im 19. Jahrhundert, als die hessischen Staatsbäder ihre Glanzzeiten erlebten. Blickfang heute ist die Kurklinik: ein großer Gebäudekomplex, der sich in eckigen Betonquadern als Mittelpunkt vor der Talmulde auftürmt. Davor erhebt sich wie ein Schiff das Hallenbad mit seinen großen Glaswänden und der geschwungenen Dachkonstruktion. Dort pflegen im weichen und warmen Quellwasser die Kranken heute ihre rheumatischen Glieder und lassen durch die hohen Glaswände den Blick auf die Höhen und Tiefen des Taunus schweifen. Oder wie ein Gast im vorigen Jahrhundert schrieb: " In der Fülle des Wechsels einer mit jedem Schritt neuen und in einem anderen Charakter schönen landschaftlichen Szenerie thut es wohl kein deutsches Bad dem Schlangenbade zuvor."

Man muß schon etwas näher herangehen, um das dahinter gelegene alte Kurhaus, das heutige Parkhotel, wahrzunehmen. In seiner prächtigen Gründerzeitarchitektur und den angrenzenden klassizistischen Arkadengängen wirkt es wie ein verlorener Traum aus besseren Tagen. Die Dorfstraße, die sich hier in einem Bogen den Berg hinauf zur anderen Seite des Tales schwingt, trennt die so unterschiedlichen Welten der Kurklinik und des Kurhotels. Die älteste Beschreibung des kleinen Quellgrundes stammt aus dem Jahre 1634. "Eine halbe Stunde von Berstatt ist ein milchwarmer Quell. Der Ablauff solcher Quell fället in ein fürfliessendes Bächlein, darinn viel Krebs gefangen werden." Die Krebse oberhalb der Quelle wurden im Kochwasser rot und die unterhalb der Quelle gefangenen gelb, heißt es in der Chronik. Dieser seltsame Bach teilt auch das Land. Gleich vier Landesherren konnten sich an diesem warmen Ort versammeln, und doch saß jeder auf dem eigenen Grund. Die Ländereien des Hauses Hessen-Kassel, von Kurmainz und zweier Grafen von Nassau trafen sich hier. Die Quellen lagen allein in hessischem Besitz, und soviel die Mainzer auch forschten, auf ihrem Grund fand sich keine.

Während die Hessen die Badeeinrichtungen schufen, bauten die Mainzer Gasthöfe, Schlachthaus, Schießstand und Spielhäuser. Als diese Infrastruktur für einen Badeort entstand, war das Schlangenbader Quellwasser schon ein Exportschlager. Professor Horstius aus Gießen, Leibmedikus des Landgrafen Ernst von Hessen- Rheinfels, beschrieb das damals noch Bärstädter Wasser als wahre Wunderdroge.

Er schrieb ihm "herrliche Tugenden, Würckung und Kraft" zu. So sollte es gegen allerlei Hautkrankheiten, wie "Unreinigkeit und Räude", aber auch "in harter Verstopfung des Miltzes, Leber, Gekröß und Mutterschwachheiten thut es sehr viel". Weiter sollte das Wasser Abhilfe schaffen bei "Lahmigkeit der Glieder, Halßwehe, allerley Zufäll der Nerven, Brüch, Wassersucht, Gelbsucht, auch Unreinigkeit der Blasen und Nieren.

Die Damen tauchten ihre ganze Schönheit in den warmen Quell. Und die Königs- und Fürstenhöfe bevorzugten sein Wasser für Tee und Kaffee. "Von diesem Wasser beyde Getränk einen angenehmen Geschmack und Eindruck bekommen als von anderen Wasser sogar, daß auch schlechter Thee und Coffee gemildert werden". Wer Geld hatte, kochte mit Schlangenbader Wasser: wie der Landgraf Friedrich von Hessen, der auch König von Dänemark war, der Hof in Stockholm und die Fürsten von Thurn und Taxis. Da ließen sich die Patrizier von Frankfurt bis Amsterdam auch nicht lumpen und servierten ihren Gästen Schlangenbader Tafelwasser.

Um keinen der empfindlichen Landesherren zu beunruhigen, gab man dem Quellengrund am Grenzfluß, der zu einer unverhofften Geldquelle wurde, den Namen Schlangenbad. Auf der temperierten Erde über den Quellen brüteten, umgeben von warmen Dämpfen, die Eier der Äskulapschlange. Die dunkle Natter mit dem hellen Unterbauch gelangte als Tempelschlange der Römer zu Ruhm. Denn die Tempelärzte der Antike hofften auf Heilung durch Berührung der Elaphe longissima, und sie blieb bis heute das Symbol der heilenden Zunft. Ob die Römer Schlangenbad entdeckten, ist nicht belegt, aber ihre so verehrten Nattern fanden die warme Nische im kalten Norden und vermehren sich bis heute. Der Leibarzt des dänischen Königs vermutete sogar, daß die heilende Wirkung des Wassers auf die Anwesenheit der Schlangen zurückzuführen sei: "den solche Schlangen die giftigsten Ausdünstungen aus dem Wasser und der Erde ziehen".

Im 18. und 19. Jahrhundert nahm sich mancher Badegast eine Schlange als Souvenir mit. Die Bettlerjungen des Dorfes dressierten die klugen Tiere und wurden zu den ersten Unterhaltungskünstlern der Kurgäste. Es störte den Kurenden damals noch nicht, wenn eine Schlange in den Badezuber schaute. Erst im 19. Jahrhundert wurde es zunehmend als unangenehm empfunden, gleich neben einem Schlangennest in das heilende Wasser einzutauchen. Nachdem die Natter als Entertainer unbeliebt wurde, nutzten die Kinder sie als Kurschreck und verdienten sich so ihr Zubrot. Als man die Natur zum romantischen Hort stilisierte, verloren die Menschen ihre Unbekümmertheit im Umgang mit den Geschöpfen der Natur. Seit damals erschlugen viele Waldspaziergänger die harmlose Äskulapschlange, die man einige Jahrzehnte früher noch an die eigene Haut ließ.

Mit Beginn des 18. Jahrhunderts gehörte Schlangenbad von Mai bis September zum Treffpunkt der Reichen und Berühmten. Im Gothaischen Hofkalender ließ sich nachlesen, wer sich in der letzten Saison in Schlangenbad aufgehalten hatte, und das reichte als Reklame für die nächste Kursaison. Zogen neue Gäste mit großem Gespann und zahlreichem Gefolge über den Hügelkamm, verkündeten die Böllerschüsse den Dörflern die baldige Ankunft. Dann machte man es sich am Fenster bequem, um ja nicht zu verpassen, wer nun dem Bade die Ehre gab. Fürsten und Fürstbischöfe, Könige, Prinzen und Prinzessinnen, Grafen, Kardinäle und Offiziere gaben sich ein Stelldichein. Zu ihrem Gefolge gehörten Lakaien, Pagen, Kavaliere, Hofdamen, Kellermeister, Stallburschen. Die wiederum schleppten alles mit, vom Tafelsilber bis zum Bettlaken- vermutlich sind sie die Vorbilder der zeitgenössischen Caravantouristen.

Damals, als es noch keine Pauschalreisen gab, war es sogar den Reichsten zu teuer, den Service am Ferienort zu mieten. Schlangenbad war überhaupt das teuerste unter den Taunusbädern. Darüber klagte noch hundert Jahre später der Frankfurter Schriftsteller Ludwig Börne in seinen Aufzeichnungen aus Bad Ems und Bad Soden. Aber dafür hat Schlangenbad bis heute ein ganz besonderes Wasser zu bieten, keinen salzigen Sprudel, dunkles Moor oder braunen Sud wie in den Nachbarbädern, sondern hier umschmeichelt zartes, weiches Wasser die Haut. Der Aufenthalt im Bad führte zu einer angenehmen Mattigkeit, der man gerne mit kulinarischen und erotischen Stimulanzien begegnete. Die Ärzte warnten davor, Bacchus und Amor zu huldigen, allerdings vergeblich:

"Alle Excesse bey dieser Chur sind schädlich, welche sowohl potu als motu wie auch venere geschehen, so das Geblüth echoffieren." Als Folge der fürstlichen Preise kam das gemeinschaftliche Baden in Mode, und so traf sich die Gesellschaft zum Schach und zu anderen Spielen im Dunst des Badehauses. Anders wäre die Abgeschiedenheit des Kurortes gar nicht erträglich gewesen, denn für Waldläufe und ausgedehnte Ausflüge hatte man noch keinen Sinn. Damit sich die Gäste wie zu Hause fühlten, schnitt man vielmehr die Natur so zurecht, wie den barocken Garten im heimatlichen Schloß.

Im 19. Jahrhundert legte man eine Hainbuchenallee an, schuf romantische Plätze und verschwiegenen Nischen. Je nach Mode und Zeitgeist erfüllten die Betreiber der Kurorte die Bedürfnisse ihrer Gäste. "O sanfte heilige Stille anmuthiger, vom Geräusch der Thorheit der Welt entlegener Wälder", schwärmte ein baltischer Gast. Während hundert Jahre zuvor Inspiration nur in der Schönheit der Gebäude lag, die Landschaft aber als dumpf und langweilig empfunden wurde, schrieb der Kurarzt 1824:

"Einsam liegt das Bad in dem Schoos eines Berg- und Waldumgürtelten Thales eingefriedet, wie ein Kloster, in dem der fromme Wahn, losgesagt von den Freuden der Welt, seinen stillen Betrachtungen lebt. Und auf unbelebten Pfaden geleitet, haben der Freund der Natur und die Liebe hier Zufluchtsorte gefunden, die ihnen nirgends sonst so voll seliger Fülle gegeben sind." 1845 schloß die Regierung den Schlangenbader Spielsalon, den man nun als Kirchenraum für beide Konfessionen nutzte. Neben dem Bad und Heilquell bot man Trinkkuren an. Lange schon wurde das Emser und Sodener Wasser importiert, hinzu kamen jetzt Molkekuren aus Ziegenmilch. Ein Hauptvergnügen der Kurgäste in der Biedermeierzeit war der Ausritt auf dem Esel in die nähere Umgebung. Jetzt war es nicht mehr nur der Hochadel, der Geld und Ansehen besaß. Schlangenbad wurde zum Treffpunkt der Politiker des Frankfurter Bundestages, Künstler schätzten die Stille des abgeschiedenen Bades, und doch suchte der Hochadel weiter hier Erholung. Der holländische Gesandte in Frankfurt ließ auf einem Felsvorsprung oberhalb des Bades eine Erinnerungssäule errichten, die Heinrich Zschokke seinen Musensitz nannte. Noch genießen die Spaziergänger von dort den Blick über die Höhen.

Es waren wohl immer die Reichen, die sich in Schlangenbad einfanden und Börne zu boshaften Bemerkungen veranlaßten: "In Schlangenbad ist es zu langweilig auf die Dauer und besonders zu teuer..." Und an andere Stelle schreibt er aus Bad Ems: "Ich glaube Schlangenbad ist kein Ort, an dem wir lange Geduld hätten, indessen, zu unserer Zusammenkunft ist der Ort sehr geeignet; in einem Vormittag kann man sowohl von Frankfurt als auch von Ems hinkommen, und dann könnten wir versuchen, ob es dort gefällt." Offenbar fand Börne seine Gesprächspartner eher in Ems und Soden, so sprach er von Mendelssohn, den Wertheims und Rothschilds, auf die er fast sehnsüchtig wartete, nur um sie dann um so boshafter zu beschreiben. "Ich wollte, die Rothschilder kämen, während ich noch hier bin, damit ich beobachte, wie sie sich mit dem Kur-Adel vermischen", vermerkte Börne am 24. Juni 1828 aus Bad Ems.

Es gab einen lebhaften Austausch zwischen den Bädern im Taunus. Die Gäste wechselten von Schwalbach nach Ems, Soden oder Schlangenbad, je nach Attraktion der jeweiligen Gästeliste, denn alle Bäder lagen fast auf Tuchfühlung beieinander. Und man konnte in Schlangenbad genausogut mit dem Sodener oder Emser Wasser kuren und in Schwalbacher Moorpackungen zusätzliche Linderung suchen. Noch heute bezieht Schlangenbad Moorschlamm aus Schwalbach, wenn auch in bescheidenen Maßen, weil die Moorkur als Mittel bei rheumatischen Beschwerden aus der Mode gekommen ist. Kuraufenthalte der russischen Zarin, der spanischen Königin Isabella und der deutschen Kaiserin Augusta verhalfen Schlangenbad zu Besucherrekorden bis zum ersten Weltkrieg. Fast alle noch bestehenden größeren Hotels des Ortes baute man um die Jahrhundertwende. Man wollte den Komfortbedürfnissen der Besucher im neuen Jahrhundert entgegenkommen und errichtete letztendlich Denkmäler einer untergegangenen Epoche.

Längst sind die Kandelaber im Kursaal erloschen, die Unterhaltungsorchester aufgelöst und der lustvolle Kuraufenthalt einem nüchternen Klinikbetrieb gewichen. Aber noch leistet sich die Kurverwaltung zwei Alleinunterhalter , jeweils einen für die leichte und die klassische Unterhaltung. In den vergangenen Jahrzehnten wurde die Kur ein medizinisch verordneter Krankenhausaufenthalt unter erleichterten Bedingungen.

Bis vor einigen Jahren leisteten sich manche noch eine Urlaubskur mit Unterstützung der Krankenkassen. Diese wohnten dann in den Pensionen und Hotels von Schlangenbad. Seit der Gesundheitsreform ist auch dieser Aufenthalt zu teuer geworden. Jetzt lebt der Ort von den Besuchern der Kranken und den Messereisenden des Rhein-Main-Gebietes. Das komfortable Parkhotel pflegt nicht mehr den bessergestellten Kurgast, sondern umsorgt die Tagungsteilnehmer renommierter Firmen. Wie vor Jahrhunderten teilt die Dorfstrasse die Gesellschaft: rechts die kranken Kassenpatienten im klotzigen Neubau aus den siebziger Jahren, links die gesunden Privatkunden im alten Prachtbau. Während das Parkhotel seine Geschichte unter anderen Vorzeichen fortsetzt, entstand anstelle des Armen- und Judenbades eine Rheumaklinik. Obwohl das heilende Wasser im modernen Hallenbad der Klinik genutzt wird, umschließt doch das alte Hotel die eigentlichen Quellen. Hinter einer Eisentür in einem tristen Hinterhof tropft und dampft das milde Naß aus Boden und Fugen der Berggrotte.

Neun Quellen sorgen seit drei Jahrhunderten für beständig dampfende Bäder und einen warmen Bach. Seit den zwanziger Jahren füllen diese Quellen im Sommer täglich aufs neue ein romantisch umwaldetes Freibad in luftiger Hanglage.

Ein Ausflug nach Schlangenbad lohnt immer noch: Es ist schließlich kein Luxus, sich der Müdigkeit hinzugeben nach dem heilenden Bade und im Restaurant unter Lüstern aus Schlangenleibern zu schlenmern. Wer dann noch die Kraft hat, kann auf den zahlreichen Wanderwegen die Schluchten und Granitfelsen der Umgebung erforschen oder bis in den Rheingau marschieren. Und noch immer findet man die "sanfte heilige Stille anmuthiger vom Geräusch und Thorheit der Welt entlegener Wälder". Die Kurorte befinden sich in düsteren Zeiten, aber solange die Äskulapschlange ihre Nester baut, bleibt Schlangenbad ein Kurort, heißt es nach einer Legende.

von Clair Lüdenbach

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